FrauvonWelt

Die Welt von einem rosa Plüschsessel aus betrachtet.

Die Fahrkarte bitte

Verfasst von frauvonwelt am September 19, 2007

“Dreitausend Euro und du kannst in den Zug einsteigen.”
“Dreitausend Euro?“
“Ja, dreitausend Euro.”
Ich fragte noch einmal nach. Doch die Antwort war wieder die gleiche. Ich sollte tatsächlich dreitausend Euro zahlen. Das verschlagene Grinsen meines Gegenübers wurde breiter.
“So ein Schwachsinn. Da gehe ich lieber zu Fuß.”
“Es gibt keinen Fußweg dorthin, wo du hin willst.”, hörte ich in meinem Rücken.
Ich hatte mich schon abgewandt. Doch diese Worte brachten mich wieder zum Stehen.
“Was weißt denn du, wo ich hin will?”
“Komm, gib mir das Geld und steig ein.”
Eine knochige Hand mit langen Fingern griff meinen Arm und zog mich in Richtung Zug. Ich wehrte mich nicht. Ich zog ein Bündel Scheine aus meiner Hosentasche, doch ehe ich nachzählen konnte, verschwand es schon in einer grauen Manteltasche. Das Knallen der Wagontür ließ mich kurz zusammen zucken und verstärkte in mir das Gefühl, einen entscheidenden Fehler gemacht zu haben. Ich drehte mich nicht um, ich versuchte nicht, die Tür wieder zu öffnen. Ich wusste, sie bliebe mir nun für immer verschlossen. Das Abteil, in dem ich mich wieder fand, war leer. Dunkelrot bezogene Sitze starrten mich an. Ich wollte keinen.
Der Zug setzte sich in Bewegung und in mir machte sich die Gewissheit breit, dass ich etwas in Gang gesetzt hatte, das sich nicht mehr aufhalten ließ. Die Geschwindigkeit des Zuges und meine Unruhe nahmen gleichermaßen zu. Ich ging ein paar Schritte durch das Abteil. Es roch nach kaltem Pfeifentabak. Ich versuchte mich zu beruhigen, redete mir ein, ich müsse mich nur irgendwo hinsetzen und warten, bis der Zug wieder anhielte. Die roten Sitze widerten mich an. Ich nahm einen ziemlich abgewetzten, setzte mich und atmete durch. Holte Luft, holte erneut Luft und hatte das Gefühl, der Strick um meinen Hals würde immer enger gezogen.

“Kaffee, der Herr? Entschuldigen Sie, möchten Sie vielleicht einen Kaffee?”
Für einen flüchtigen Moment glaubte ich, aus meinem ganz persönlichen Alptraum zu erwachen. Doch schon brannte sich die verabscheute Kulisse des Zugabteils wieder auf meiner Netzhaut fest.
“Entschuldigen Sie, ich wollte Sie nicht wecken. Aber dies ist die letzte Möglichkeit für Sie, heute noch Kaffee zu trinken, ich komme sonst erst morgen wieder.”
Die jugendlich-zarte Stimme streichelte meine Ohren und die Aussicht auf Kaffee stimmte mich versöhnlich. Die Tatsache jedoch, dass sie sonst erst morgen wieder komme, bereitete mir Sorge. Ich wollte morgen nicht mehr in diesem Zug sitzen.
“Wie lange werde ich mit diesem Zug fahren müssen?”
“Sie haben eine lange Reise vor sich. Wir werden uns nun täglich sehen. Hier, nehmen Sie einen Kaffee. Milch oder Zucker?”
“Danke, ich trinke ihn schwarz.”
Ich hielt den heißen Becher in meinen fragenden Händen, nicht in der Lage zu trinken. Das Kaffeemädchen entschuldigte sich erneut bei mir, huschte durch die knarrende Abteiltür und ließ einen süßlichen Duft zurück, den ich glaubte, irgendwann schon einmal gerochen zu haben. Ich wühlte in meinen Erinnerungen, fand jedoch nur nutzloses Zeug. So war das immer. Meine Erinnerungen waren eine Ansammlung überflüssiger Geschehnisse, die ich, wenn ich gewusst hätte wie, genau so gut hätte wegschmeißen können. Ich machte mir also nicht länger die Mühe, über den Duft des Kaffeemädchens nachzudenken, sondern versuchte, nun mit winzigen Schlucken den Becher zu leeren.

Das Quietschen der Bremsen riss mich aus meinem meditativen Tun und allein die Tatsache, dass mein Becher schon fast leer war, verhinderte ein Überschwappen. Der Zug fuhr langsamer, kam aber nicht zum Stehen. Plötzlich wurde die Abteiltür aufgerissen und ein Hüne mit eingezogenem Kopf und zugekniffenen Augen kam auf mich zu.
“Ihre Fahrkarte bitte.”
“Fahrkarte? Ich habe keine Fahrkarte.”
“Aha, ein Schwarzfahrer also. Na dann kommen Sie mal mit.”
“Mitkommen? Hören Sie mal, ich habe viel Geld bezahlt für diese Zugfahrt. Wo wollen Sie denn mit mir hin?”
“Sie haben viel Geld bezahlt und sich keine Fahrkarte geben lassen?”
Ich verstummte, stand auf und folgte dem immer noch gebückten Riesen ins nächste Abteil. Dort saß an einem reichlich gedeckten Tisch ein älterer Herr, der gerade versuchte, mit einer Serviette seine voll gekleckerte Krawatte zu reinigen.
“Die Suppe war einfach zu heiß, zu heiß”, stöhnte der Alte in seinen grauen Bart. “Was wollen Sie?”
“Eine Fahrkarte”, hörte ich mich flüstern, ich Dummkopf. “Nein, ich will keine Fahrkarte. Der da” – ich drehte mich um, doch da war niemand mehr – “na, der Schaffner wollte eine Fahrkarte von mir.”
“Und Sie haben keine?”
“Nein, ich habe keine.”
“Gut, hier nehmen Sie, essen Sie.”
Er reichte mir einen leeren Teller und schob die gefüllten Schüsseln in meine Nähe. Ich hatte Hunger, ich hatte wirklich Hunger. Ich wusste nicht, wann ich das letzte Mal etwas gegessen hatte, also langte ich zu. Mein Appetit war verheerend. Ich ließ fast in keiner Schüssel mehr etwas drin. Mein Glas füllte sich mit Wein und für einen kurzen Moment konnte ich meine missliche Lage wieder vergessen und glaubte fast, mir ginge es gut.
“Haben Sie etwa einem Mann im grauen Mantel Geld gegeben?” Der sonore Ton des Alten wirkte beruhigend, doch die Erinnerung an den grauen Mantel löste leichte Panik in mir aus.
“Ja, kennen Sie ihn?”
“Kennen? Und ob ich ihn kenne, den alten Gauner. Es ist mein Sohn. Wie viel haben Sie ihm gegeben?”
“Dreitausend Euro.”
“Nun gut, nun gut, wir werden sehen. Ich werde sehen. Gehen Sie zurück in Ihr Abteil, schlafen Sie.”

Ich tat, was er sagte. Ich tat eigentlich immer, was man mir sagte. Meine Mutter offenbarte mir einmal, ich sei als Kind schon langweilig gewesen. Immer sei ich so brav gewesen, hätte keine Dummheiten oder Streiche gemacht. Nie gab es Widerworte, Lügen oder Geschrei. Ich war kein richtiges Kind, hat sie gesagt. Die Frage, ob ich ein richtiger Mann sei, hat sich mir nie gestellt. Jetzt war sie da. Ich saß wieder auf meinem abgewetzten Ledersitz und ungemütliche Fragen wühlten sich durch meine Gedärme. Schweiß und Schmerzen wurden mächtig. Ich fühlte etwas Gewaltiges in mir aufsteigen. Ich warf mich auf den Fußboden, schlangengleich wand sich mein Körper. Ich sah meine Erinnerungen an mir vorbei rauschen, immer schneller, immer schneller. Menschen, Gesichter, Straßen und Häuser. Worte flogen durch meine Qualen und gingen in Flammen auf. Ich schrie um Hilfe. Schrie und schrie und schrie. Dann brach alles aus mir heraus. Es dauerte nur Sekunden und ich saß in einem braunen Sumpf, der sich langsam wabernd auf dem Boden ausbreitete. Ich glaubte, ich sei tot. Ich fühlte mich leer und gottlos. Verlassen.

Die Abteiltür wurde aufgerissen. Mein Blick erfasste das Kaffeemädchen. Doch bevor es einen Ton sagen konnte, war ich bei ihr, begriff, dass ich noch lebte, riss ihr den Kaffee aus der Hand, rief laut Danke und stürmte los. Tornadogleich fegte ich durch den Zug auf der Suche nach einem Ausgang. Nichts würde mich nun aufhalten können. Ich wollte hier raus. Ich sprang gegen Wände und Türen. Ich war panisch, aber ich war frei. Den Duft des Kaffeemädchens atmend warf ich mich gegen eine Tür und erlebte im gleichen Augenblick einen infernalischen Sog und eisige Kälte.

Als ich die Augen wieder aufschlug, erkannte ich den Professor.
“Können Sie mich hören?” schrie er mich an.
“Ja, aber Sie brauchen nicht so zu schreien.”
“Wissen Sie, wer Sie sind?”
“Ja, ich wusste es nie besser. Aber was ist mit mir passiert?”
“Sie haben im Koma gelegen. Drei Monate im Koma. Wir waren kurz davor, alle Hoffnungen aufzugeben. Wollten die Maschinen schon abschalten. Doch vor einer Stunde fingen Sie plötzlich an zu schwitzen. Dann ist wer weiß was mit Ihnen passiert. Ich habe dafür keine Erklärung.”
“Ja, ich saß im falschen Zug. Ich hatte keine Fahrkarte. Keine verdammte Fahrkarte.”
“Keine Fahrkarte?”
“Nein, Herr Professor, keine Fahrkarte.”
“Schlafen Sie jetzt. Sie müssen sich schonen. Wir reden heute Abend weiter.”
“Schlafen? Nein, Herr Professor. Geschlafen habe ich lange genug. Ich will nicht mehr schlafen. Bringen Sie mir bitte einen Kaffee.”

Eine Antwort zu “Die Fahrkarte bitte”

  1. frauvonwelt sagte

    Ettore Schmitz / Website (19.9.07 12:23)
    Kommen Sie bitte heute nacht wieder in mein Abteil. Der Tisch wird gedeckt sein, wenn der Kaffeejunge Sie abholt…

    Ettore

    Erdge Schoss / Website (19.9.07 21:52)
    Und ich klebe, liebe FrauvonWelt, an Ihren Zeilen bis
    zum zweiten Kaffee … Tollkühn, Sie Wunderbare.

    Ihr Erdge Schoss

    FrauvonWelt / Website (19.9.07 22:16)
    Herr Schmitz, ich tue ja immer, was man mir anrät, ausnahmslos.

    Herr Schoss, Sie mein Kaffeejunge, warum denn nur bis zum zweiten?

    Angetan
    FrauvonWelt

    Den Codegnom nehmen wir mit: “MiXer”.

    Ole / Website (20.9.07 00:47)
    Belebend auch in vorgedrungener Nacht, fast wie ein Roter Bulle, mehr noch als Röstbohnenbräu. Großartig schräg und zugleich edel im Ton. Hach. Madame. Grandios.

    Erdge Schoss / Website (20.9.07 16:48)
    Ich, liebe FrauvonWelt, Ihr Kaffeejunge? Nun denn, man
    sagt mir nach, gerade nachts im Cafe junger auszusehen

    Midnight
    Ihr Erdge Schoss

    Westpfalz-Johnny (20.9.07 21:52)
    what ever we like – frauvonwelt will be with us…

    in the train to the middle of nowhere
    W-P-J

    321 (23.9.07 07:58)
    Nicht schlecht – wirklich nicht schlecht – aber der Auflöser war dann leider etwas schwach – wo ist schon ein Professor bei Komapflege – und wie soll ich den kennen wenn ich bei Koma eingeliefert werde…

    Soll echt keine Krittelei sein sondern nur ein Tipp zur Optimierung

    Ettore Schmitz / Website (23.9.07 10:41)
    Ja gut, Herr Literaturanwalt Burke, man wird ja nicht bei Koma eingeliefert, wenn im Bethanien noch Plätze frei sind, sondern bei Kemal am sogenannten Eingang für “Liegend Kranke”!
    Hier in der Forensik aber, innerhalb deren Betriebsgelände sich FrauDr.vonWelt ja sehr oft aufzuhalten pflegt, ja!, auch nächtens!, wird man gelegentlich bei Oma eingeliefert, aber nur, wenn die mal wieder im Alleingang die Nachtschicht übernommen hat, voller Eierlikör und Schwarzgebranntem. Da versagt dann gelegentlioch auch der Pförtner. Und alles geht in die Hose.
    Wohingegen ich selbst, als Professer sozusagen, durchaus schon mal, zumindest ansatzweise und lang her, bei “der” Komapflege angeblich überrascht wurde, wobei das natürlich genauso wie der Begriff völlig undurchdachter Schwachsinn ist, ein Koma pflegt man ja nicht, man versucht es wieder abzuschalten, was, wie ich übrigens zugeben muß, bei mir noch sehr viel früher, nur extrem partiell gelungen ist, oder man verwechselt, wie in meinem vorher angedeuteten Falle, den klinischen Komazustand mit Frl. Koma Liesel Pontonwonhan aus einem enorm östlichen Heimatareal, bei deren Pflege mir ja im Allgemeinen fast die Puste ausging. Das allerdings ist auch schon wieder etliche Dezennien her. Seit sechs Jahren rauche ich ja schon nicht mal mehr!
    Das alles aber nur zur Option, nicht zur Krakeelerei, mit nahezu kollegialem Gruß, fast einem Tipp sozusagen, aus allseits berufenem Munde – allerdings ohne Punkt und Koma:

    Ihr sehr geschätzter
    Ettore Grins-Schmitz

    …der auch gerne Tipps an alle seine lieben Kleinen hier und im Schwarzwald abgibt, schad ja nix, kann man immer brauchen!

    LadyMarguerite / Website (24.9.07 12:58)
    Charon als Zugführer … ich bin beeindruckt.

Einen Kommentar schreiben

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <pre> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>