Vom Himmel hoch
Verfasst von frauvonwelt am Dezember 14, 2007
Nun ist aber auch mal wieder gut. Hört die denn gar nicht mehr auf mit ihrem Trauergesang? Nein. Doch. Jetzt geht es erst richtig los.
FrauvonWelt sitzt in ihrem rosa Plüschsessel, futtert Erdnüsse und wärmt sich wieder auf. Es wird ja nun auch dem letzten Besucher hier nicht entgangen sein: FrauvonWelt spinnt in den letzten Tagen ein bisschen, ist nicht wirklich bei sich. Macht aber nichts. Ist irgendwie auch normal. Da ist jemand gestorben. Da darf man schon mal aus der Kurve fliegen. So wie die letzte Erdnuss gerade auch.
Nun also auch noch das Seelenamt, Requiem, Totenmesse. Schlotterkalte Kirche. Prachtvolle Innereien. Leere Bänke. Zwei alte Mütterchen beten den Rosenkranz. Ein Pfarrer, zwei Messdiener, zwei Messdienerinnen. Die waten und beten und stellen ihre Kerzlein an die richtigen Plätze. Die gucken ganz ernst, einer gähnt. Singen Lieder, die keiner kennt. Die zwei alten Mütterchen singen mit einer Innbrunst, wie sie wahrscheinlich inbrünstiger in ihrem Leben nichts getan haben. Der Pfarrer knutscht das Evangelium.
Die Kälte greift an. Aufstehen. Beten. Hinsetzen. Aufstehen. Beten. Hinknien. Aufstehen. Hinknien. Setzen. Singen. Aufstehen. Beten. Wie kalt einem wohl wäre, wenn diese Bewegungsspiele nicht wären? Erstaunlich: Die Gewänder des Pfarrers und der Messdiener sind alle gleich lang. Wie sie da so in einer Reihe vor dem Altar stehen, bilden die Säume genau eine Linie. Eine Linie bilden auch die Gesangsbücher. Die Kälte hat gewonnen. Die Füße sind abgefallen. Schockgefrostet.
Von den Worten des Pfarrers keines verstanden. Küsst wieder das Evangelium. Betet. Isst den Leib, trinkt das Blut. Redet von Vergebung der Sünden, von Vergeltung und Auferstehung. Das ewige Leben schenkt er sich. Wem sonst? Ein Segen. Die Finger sind blau.
Warum ist Sterben eigentlich so eisekalt?
Dieser Eintrag wurde erstellt am Dezember 14, 2007 um 11:05 und ist abgelegt unter Alltagswelt. Verschlagwortet mit : alte Mütterchen, eisekalt, Erdnüsse, Evangelium, Gebete, Kälte, Messdiener, Plüschsessel, Sterben, Totenmesse. Du kannst alle Antworten auf diesen Eintrag mitverfolgen über den RSS 2.0 Feed. Du kannst einen Kommentar hinterlassen, oder Trackback von deiner eigenen Seite.

RP sagte
Liebe FrauVonWelt
Aufstehen, Hinsetzen, Knien, Klingeln, gleichlange Gewänder, Evangelium knutschen, all das, damit man sich an einem Ritual durch das Elend hangeln kann – weil es sonst nichts gibt, an dem man sich festhalten kann, wenn ein lieber Mensch stirbt.
Das Ritual für die Lebenden, die mit dem Verlust klar kommen müssen, weiterleben, und doch aus der Kurve geschleudert werden.
Die Bräuche, die vorgeben, wie es weitergeht, wenn man nicht weiss, wie es weitergehen soll; während man lernen muss, mit dem Verlust zu leben.
Die Zeit für den Abschied muss sein, damit man anschliessend wieder in die Spur finden kann.
Warme Wünsche
RP
frauvonwelt sagte
Das Klingeln, lieber RP, hatte ich gar nicht erwähnt. Sie entlarven sich mal wieder als Fachmann. Auch auf diesem Gebiet. Erzählen Sie uns Ihre Messdienergeschichten?
Gespannt
Ihre FrauvonWelt
RP sagte
Meine Messdienergeschichte, liebe FrauVonWelt,
ist so kurz, wie sie nur sein: Alle meine Klassenkameraden wurden Messdiener, auch die Mädchen – ich nicht. Kurz darauf habe ich den sonntäglichen Besuch der Kirche eingestellt.
Beerdigungen waren in den darauf folgenden Jahren die einzigen kirchlichen Zeremonien, an denen ich teilnahm. Und als Jugendlicher habe ich diese Totenrituale gehasst, sie erschienen mir sinnlos und leer, Pflichtübungen, weil man sich nicht getraut, die Toten einfach zu verscharren; immer wieder dieselben hohlen Worte und das professionell-beileidige Händeschütteln. Ich fand darin keinen Trost, im Gegenteil, es schien mir eine Verhöhnung der doch so unterschiedlichen Verstorbenen, sie mit dem immer gleichen Ritual zu begraben, im Taktbetrieb auf dem Friedhof.
Viel später habe ich dann erlebt, wie sehr die Angehörigen sich an genau diesen Abläufen fest klammern, wie wichtig es für sie ist, dass Sie etwas zu tun haben, sei es auch nur Formales oder Banales, in der ersten, verzweifelten Trauerphase. Allein schon, dass sie aus dem Haus müssen für den Kirchgang, dabei andere Menschen treffen, und eben nicht allein zu Hause im Elend ertrinken, ist eine Hilfe; es gibt einen Ort und eine Zeit, an dem Ihr Schmerz einen Platz hat und im Mittelpunkt steht.
Seit dem stören mich die Worte des Priesters nicht mehr, auch wenn sie immer dieselben sind. Sie sind nicht wichtig. Wichtig ist, dass man sich trifft, weil jemand gestorben ist, dass man sich in Gesellschaft findet und so beginnt zu lernen, mit dem Verlust und dem Schmerz zu leben.
Wie man das lernt, ob mit oder ohne Kirche und Seelenamt, wie man seinen Frieden schliesst mit dem Verlust, um wieder nach vorn schauen zu können, ist bedeutungslos – solange man es tut.
Mit den besten Wünschen
RP