Verfasst von frauvonwelt am Januar 8, 2008
FrauvonWelt sitzt in ihrem rosa Plüschsessel und klappt das Buch zu. Die Kritiker sind sich einig: Zadie Smith ist eine intelligente Frau und sie hat einen intelligenten Roman geschrieben. Ja, lauter intelligente Leute. Im Zentrum zwei intelligente Familien. Selbst die nymphomanische Tochter ist intelligent, die Tochter der anderen ist die intelligenteste an der Uni, der Rapper von der Straße ist intelligent, die tote Ehefrau sowieso, der intelligente Sohn wird gar zum Christen, der andere intelligente Sohn wird zum Dieb, und allen voran stolzieren die intelligenten Papas, die Professoren, die pimpern die studentischen Töchter.
Nur die eine, die Mutter, die wendet sich ab von der ganzen Universitätsintelligenzia, sie lebt nicht aus Büchern, durch Reden, durch Aufsätze. Sie kämpft nicht um Ruhm und Titel, sie kämpft um ihre Liebe. Sie wird betrogen, nicht einmal, nicht zweimal. Sie leidet, aber sie kämpft. Sie hat keine Argumente außer den Speckringen auf ihren Hüften und den grauen Strähnen in ihren Haaren. Die Schönheit, die ihr das Leben schenkte. Sie steht wie ein Fels in der Brandung bis letztendlich die ganze Intelligenz an ihr zerschellt.
Zadie Smith hat nicht nur ein intelligentes Buch, sie hat vor allem ein kluges Buch geschrieben. Und ein schönes.
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Verfasst von frauvonwelt am Dezember 18, 2007
Gehen Sie mit einem gutem Buch ins Bett -
oder wenigstens mit jemandem
der kürzlich eines gelesen hat.
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Verfasst von frauvonwelt am September 4, 2007
Auf der Riffelglasscheibe der Tür steht mit abblätternder schwarzer Farbe: „Philippa Marlowe…IT Netzwerke/Support, IT Application Development und IT Consulting“. Es ist eine recht schäbige Tür am Ende eines recht schäbigen Korridors, in einem Gebäude von der Sorte, wie sie ungefähr in dem Jahr entstanden, als das Kachelbad das Fundament der Kultur wurde. Die Tür ist zugeschlossen, aber nebenan ist noch eine Tür mit der gleichen Aufschrift, die nicht zugeschlossen ist. Kommen Sie rein – es ist niemand da, nur ich.
Es war gegen zehn Uhr abends, Anfang September, ein Tag ohne Sonne mit klarer Sicht auf das Hoftor, was im klatschkalten Regen stand. Ich trug meine kobaltblaue Jeans mit weißem T-Shirt. Ich hatte gerade die Festplatte meines Computers formatiert und einen Großteil meiner Daten verloren. Das kommt vor in meinem Business. Ich zündete mir eine Zigarette an und machte es mir mit den Füßen auf dem Schreibtisch bequem. Ich versuchte, mir ins Gedächtnis zu rufen, welche Daten verloren gegangen sind. Vergebens. Ich wollte doch nicht länger darüber nachdenken und versuchte ein Gespräch mit der Schmeißfliege zu beginnen, die schon seit Stunden in meinem Büro umherschwirrte. Ich wartete darauf, dass sie sich niederließ. Sie wollte sich nicht niederlassen. Sie wollte einfach Loopings machen und den Prolog zu Bajazzo singen. Ich hielt die Fliegenklatsche hoch in der Luft, fertig zum Zuschlagen. Nein, ich war nicht gereizt. Auf der Schreibtischecke war ein heller Flecken Sonnenlicht, und ich wusste, früher oder später würde sie dort landen. Aber als sie landete, sah ich sie nicht gleich. Das Surren hörte auf, und da saß sie. Und dann klingelte das Telefon.
Langsam und geduldig, zentimeterweise, streckte ich meine linke Hand danach aus. Langsam nahm ich den Hörer auf und sprach sanft hinein: “Bitte warten Sie einen Augenblick.“
Ich legte den Hörer behutsam auf die braune Fließpapier-Unterlage. Die Fliege war noch da, glänzend, blaugrün und voller Schlechtigkeit. Ich holte tief Atem und schlug zu. Was von ihr übrig war, flog halb durch den Raum und fiel auf den Teppich. Ich ging hin, nahm sie an ihrem heilen Flügel und ließ sie in den Papierkorb fallen.
„Danke, dass Sie gewartet haben“, sprach ich in den Hörer.
(Raymond Chandler für FrauvonWelt)
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Verfasst von frauvonwelt am März 20, 2007
Da FrauvonWelt mit ihrer Blessur nur die nötigsten Schritte vor die Tür wagt, hat sie mal wieder zu einem Buch gegriffen: Albert Sánches Pinol: Im Rausch der Stille.
FrauvonWelt liebt erste Sätze. Wenn sie gut sind. Wenn sie schlecht sind, hat das Buch keine Chance. Der Rausch der Stille fängt so an:
“Wir ähneln denen, die wir hassen, mehr als wir denken. Und deshalb glauben wir, dass wir denen, die wir lieben, nie ganz nah sind.”
Das zweite Kapitel startet noch besser:
“In manchen Situationen verhandeln wir unsere Zukunft mit unserer Vergangenheit. Man setzt sich auf einen abgelegenen Felsen und ist bemüht, ein Bündnis zu schließen zwischen dem, was war – große Niederlagen-, und dem, was noch kommen wird – wahrhafte Finsternis.”
Das sind genau die Sätze die man braucht, wenn man wie FrauvonWelt malade und abgeschieden von der Welt auf dem Sofa rumkauert und verzweifelt nach den Zyankalikapseln sucht. Und sie liest und liest und liest. Zwei Männer, eine einsame Insel, ein weibliches Wesen. Sie führen Krieg, machen Sex und auch sonst alles falsch. Wie immer eigentlich und doch so spannend so außerordentlich so mitziehend so atemraubend so umwerfend so unerhört so richtig gut.
“Die Sonne sank.” So endet der Roman. Und FrauvonWelt hat die verdammten Kapseln immer noch nicht gefunden.
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