FrauvonWelt

Die Welt von einem rosa Plüschsessel aus betrachtet.

Ein Junge! Ein Mann!

Verfasst von frauvonwelt am November 25, 2007

Jetzt ist es unverkennbar: ein Junge! Susi wedelt freudestrahlend mit dem neuesten Ultraschallbildchen herum und hüpft durch FrauvonWelts Küche.
„Susi, zeig mal her! Hmm, jaha, nenee, ich kann nichts erkennen.“ FrauvonWelt dreht das Bild in alle Richtungen.
„Egal, ich auch nicht. Ich hab es ja von Anfang an gewusst.“, grinst Susi.
Am Anfang, meine Liebe, hast Du gar nichts gewusst. Wenn ich dich mal daran erinnern darf.“
„Ach, nun hör schon auf. Fang nicht schon wieder mit der Geschichte an.“
„Wieso? Die Geschichte ist doch schön.“

Susi lässt sich erschöpft in den rosa Plüschsessel fallen, dreht die Augen in Richtung Wölkchenhimmel und schwebt auf Wolke sieben davon. FrauvonWelts Worte „Denkst du oft an ihn?“ verhallen im Dampf des Wasserkochers. Sie gießt den Tee auf – Brennnesseltee. Und als ihr der zarte Duft in die Nase steigt, wird sie ein wenig nachdenklich: Wie das wohl ist, wenn man schwanger ist? Ob ich jemals Kinder haben werde? So eine richtige Familie? Mit Glück und Tannenbaum und Schulferien? Mit Haus und Hof und Familienauto vor der Haustür? Ein Mann fürs Leben? So für immer? Für den Rest des Lebens? Immer der selbe? Jeden Tag? Dreißig, vierzig, fünfzig oder gar sechzig Jahre. Nur ein Mann? Bis das der Tod uns scheidet?

„… Krankenwagen bestellen!“
„Was, was ist los?“ ruft FrauvonWelt sich hastig nach Susi umdrehend.
„Wenn Du nicht langsam mal den Tee…“
„Geht es Dir gut? Alles in Ordnung mit dir?“
„Jaha, alles in Ordnung. Bis auf den Tee. Den hätte ich jetzt gerne.“
„Ja, der Tee.“ FrauvonWelt lächelt entspannt, stellt die Kanne auf den Tisch und legt sanft eine Hand auf Susis Bauch. „Jag mir doch nicht so einen Schrecken ein. Ich hab schon gedacht…“
„Dass du gedacht hast, hab ich gesehen. An was hast du denn gedacht?“, will Susi wissen.
„Ach, weißt du, manchmal…“, mehr brachte FrauvonWelt jetzt nicht hervor.
„Ja, ich weiß schon.“, sagte Susi und wischte ihrer besten Freundin eine Träne von der Wange. „Ja, ich weiß.“

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Ich erinnere mich…

Verfasst von frauvonwelt am November 15, 2007

Ich erinnere mich an die Fußgängerzone, die vor unserem Haus gebaut wurde. Ewige Zeiten Baustelle. Ein idealer Spielplatz. Du warst meine beste Freundin. Immer. Wir fuhren zusammen auf diesem kleinen Fahrrad mit den dicken Rollerreifen. Dein Vater hat es extra für uns gebaut. Wir fuhren immer zu zweit. Entweder saß einer auf dem Lenker oder stand hinten auf den Fußstützen. Wir lachten. Man kannte uns in unserem Städtchen. Uns gab es nur im Doppelpack. Die Stadt gehörte uns. So glaubten wir. Kein Baum den wir nicht erkletterten, kein verfallenes Haus, in das wir nicht einzogen. Keine Eissorte, die wir nicht probiert hätten. Keinen Kiosk, den wir nicht leer gekauft hätten. Irgendwann haben wir meine Spardose geplündert. Das ganze Geld mangels Behältnis vorne in die Tasche meines grünen Kleidchens gesteckt. Hat das geklimpert. Das Kleid ging mir dann vorne bis zu den Knien. Waren eh zu kurz die Dinger. Meine Mutter hat es gesehen und wurde neugierig. Dabei hatten wir noch nicht einmal die Hälfte des Geldes zum Bäcker, zur Eisdiele und zum Kiosk getragen.

Das alte, verfallene Kino hatte zu viele undichte Stellen. Durch ein Fenster kamen wir rein. Hunderte von Filmspulen lagen da rum. Wir wickelten alle ab. Sponnen ein Netz quer durch den großen Saal. Ob Sperrsitz, Loge oder Parkett, es wurde alles eingewickelt. Ein Kunstwerk, ewig unbekannt.

Bei der Fußgängerzonenbuddelei entdeckten sie einen alten Friedhof, direkt neben dem Rathaus. Rathaus auf altem Friedhof gebaut! Auf so eine Schlagzeile hat man gewartet. Gebeine und Totenköpfe kamen zum Vorschein. Das Gelände wurde abgesperrt. Nicht für uns. Wir buddelten wie blöd. Einen besonders gelungenen Schädel nahmen wir mit zu dir und brachten ihn auf Hochglanz. Im Keller fanden wir einen alten Stecken, da kam er drauf. In der Dunkelheit schlichen wir uns wieder an den Fundort. Der höchste Sandberg sollte ihm gehören. Dort sollte er thronen und die Gemeinde am Morgen begrüßen. Sein Foto kam in die Zeitung, wir auch, zwar als Unbekannte, aber man kannte uns in unserem Städtchen.

Als ich von der Lenkstange des Fahrrades fiel und mein Kopf gegen den Laternenpfahl knallte, ging ein Gong durch die Sommerluft, der die gesamte Stadt in Schwindel hüllte. In dem Moment war meine Zukunft besiegelt: Dachschaden forever. Du hast gelacht, dass sich die anderen Laternenpfähle auch noch bogen. Es dauerte etwas, bis ich mit einstimmte. Dann aber haben wir dieses ganze Städtchen in Schutt und Asche gelacht. Wir beide lagen auf dem Boden in der Fußgängerzone, Passanten lachten mit oder schüttelten die Köpfe.

Dieses Lachen von uns ist mir ewige Erinnerung. Denk ich an dich, und ich tue es oft, sehe ich uns lachen. Ich habe kein anderes Bild von dir als ein lachendes. Bis heute. Da bin ich wieder gegen diesen Laternenpfahl geknallt. Als meine Mutter anrief und mir von Deiner Krankheit erzählte, wurde es dunkel. Du hast Krebs.

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