Ich erinnere mich an die dunklen Straßen. An den matt beleuchteten Hauseingang, in dem sie auf dich gewartet hat. Die Begrüßung nur kurz. Du nahmst sie im Arm, schautest dich um. Wusstest um eure Verfolgerin. Ich sah euch so zum ersten Mal, und ich sollte euch so sehen. Die Inszenierung war schlecht, aber wirksam. Ich kannte den Weg, den ihr gehen würdet. Ich kannte euer Ziel. Du wusstest, der Schatten da hinten an der Hauswand war ich. Er kam, er verschwand, er folgte. Unablässig, längst wissend, was kommt, längst wissend, dass du weißt, dass ich weiß, und doch – ich folgte euch. Der Schmerz trieb mit gierigem Verlangen meine Schritte in eure Richtung. Der Wind zerrte an mir, als wolle er mich festhalten, dann wieder schob er mich vorwärts. Drei Figuren – ein Spiel.
Unweit einer Straßenlaterne bliebt ihr stehen. Eine Umarmung, ein inniger Kuss. Durch die Dunkelheit spürte ich deine Blicke, sie suchten mich. Fanden nichts. Es war der Moment, in dem die Schwärze der Nacht sich meiner Seele bemächtigte. Ohne einen Laut schrie ich die Hölle in die endlosen Straßen. Meine Hände krallten sich in die spitzen Ästen der Büsche, die mir Schutz seien sollten, doch jetzt meine Peiniger wurden. Das Blut war kalt. Ich schaute auf meine Hände, spürte nichts. Eine riesige Leere hatte mich gefangen genommen. Ich war allein. Ging durch mein Leben, als gehörte es nicht mehr mir. Die Straßen zogen mich an unsichtbaren Fäden durch ihre Endlosigkeit. Verloren. Dich.
19 Uhr, der Wagen fährt vor. FrauvonWelt schwarz, die Haare offen, die Schuhe hoch. Ein sanfter Kuss, charmantes Geplauder während der Fahrt. Sie lächelt. Ein schönes Haus empfängt das Paar mit Herzlichkeit und Champagner. Der perlt hinab wie Glitzerstaub.
Was dann folgt ist ein Reigen molekularer Köstlichkeiten aus der Küche des großen Zauberers. Idiazabal, bitte kräftig kauen bis es bitter wird, dann mit dem Kirschgazpacho ablöschen. Es bizzelt und es zischt auf der Zunge, im Kopf, im Herzen sowieso. Ein Zuckerwattecocoon versüßt weitere Augenblicke. Gurkengelee mit Kaviar und Borretsch – ein Löffelchen nur und der Gaumen explodiert. Der in Stickstoff gefrostete Gin Tonic vermag das Feuer der Liebenden nicht zu löschen. Sanfte Rauchschwaden verflüchtigen sich im Dämmerlicht des Raumes. Der Chardonnay belebt die Stimmung und verbindet zwei Hände, die Herzen sowieso.
Carabineros, Jacobsmuscheln, Entenleber, Iberico, Melonen-Sangria, das Fest der Sinne hat begonnen. Er droht in der Tiefe ihrer Augen zu ertrinken. Sie denkt nicht an Rettung. Genießt sein Verlangen mit den Aromen von Aprikose, weißer Schokolade, Minze, Karamell, Erdnußkrokant und Maldonsalz.
Auf der Rückfahrt zählt sie die Sterne. Es gibt nur einen. Einen wie keinen.
Hand aufs Herz. Das hab ich nie gekonnt. Unbeweglich wurde ich geschaffen. Unbeweglich für die Ewigkeit. Hammer- statt Herzschläge waren das erste, was ich vernahm. Entschlossen schufst du meine Formen. Entschlossen, etwas Großes zu schaffen. Ich war wie Wachs unter deinen Berührungen. Aus deinen Händen wuchs meine Schönheit, anmutig, sinnlich, vollendet. Und doch hasse ich dich für diese Schönheit. Du wolltest die Vollkommenheit und wusstest nicht, wie sehr ich leiden würde. Wie sehr es schmerzt. Tag und Nacht waren wir zusammen. Du konntest dich nicht abwenden, nicht essen, nicht schlafen. Dein Opfer für mich? Für den Ruhm? Für die Liebe?
Du warst bei mir in jeder Sekunde. Deine Schweißperlen habe ich aufgesogen als Reliquien einer nie zu erreichenden Lebendigkeit. Soviel von dir steckt in mir, aber, Hand aufs Herz, ich bin nur ein Abbild. Deine Hände formten meinen Rücken, sanft glitten sie hinab, ließen mich ahnen, was Leben heißt. Ich spürte dein Beben, deinen Atem, die Wärme deiner Haut. Aber ich konnte dir nichts geben. War kalt. Bin kalt. Bin toter Stein. Vollendet schön zwar, und doch, Hand aufs Herz, ich bin nur ein Abbild.
Meister, warum hast du das getan? Meister, zerstöre mich und schenke der Liebe, die endlos war, Flügel. Lass nicht zu, dass fremde Hände mich berühren. Sie beschmutzen mich, dich. Sie sehen nicht, was passiert. Meister, befreie mich aus dieser Form und lass mich werden, was ich einst war: deine Liebe. Nur ein Gedanke. Ein einziger, endloser Gedanke. Komm zurück, Meister, und fange noch mal an. Nur eine Nacht. Nur einen Herzschlag. Schenk mir die Hand auf deinem Herzen.
So rufe ich ohne Stimme. Und so bin ich ewig traurig, weil du nicht mehr kommst. Ewige Nacht.