Er fährt Taxi. Er fährt durch meine Straßen. Ich kenne sie fast alle, auch wenn ich seit ewigen Zeiten nicht mehr dort war. Aber wenn er sie heute mit seinem Scheinwerferlicht erhellt, dann bin ich wieder da. Dann bin ich wieder achtzehn, neunzehn, zwanzig und fahre mit weißem Polo und jugendlicher Schwermut durch das nächtliche Schwarz.
Oft waren sie düster diese Straßen meiner Jugend. Anfangs führten sie mich immer ins RedHouse, aber nie dahin zurück, wo ich hergekommen war. Das elterliche Verbot für diesen Laden drang nicht zu mir durch. Verkehrte ich doch schon seit Jahren dort. Kannte ich doch all das, wovor meine Eltern mich glaubten schützen zu müssen, längst. War längst Teil dieser Szene, die aus Verzweiflung so laut schrie, dass jeder Schlaf in dieser Stadt ein Wunder war. Jedes Mal, wenn ich nach einer Nacht im RedHouse die Augen aufschlug, war ich jemand anderes. Irgendwann wusste ich nicht mehr, wer ich bin. Das aber war schon mein zweiter Tod. Andy hingegen starb nur einmal. Als wir ihn fanden unten in den Toiletten am Domplatz, hätte ich ihn fast nicht erkannt. Wir leerten seine Taschen und liefen und heulten und liefen. Wohin weiß ich bis heute nicht. Am nächsten Morgen, ich wieder ganz das Mädchen aus gutem Hause, überraschte mich meine Mutter mit einem Strauß roter Rosen. Eine Karte: Andreas F. Er hatte noch an meinen Geburtstag gedacht, dieser verdammte Idiot. Dieser verdammte Idiot, nimmt sein letztes Geld und kauft mir Rosen. Ich nahm die Rosen, fuhr zum Domplatz und ging in den Dom. Ich ging wirklich in diesen Dom rein, setzte mich irgendwo hin und spürte nichts. Du wolltest doch aufhören, Du verdammter Idiot, Du hast es mir versprochen, Du hattest es mir verdammt noch mal versprochen. Wir wollten diesen Tag zusammen feiern. Wollten einen Anfang feiern. Ich ließ die Rosen dort und ging mit leerem Herzen. Seit dem hab ich den Dom nie wieder betreten.
Er fährt Taxi. Er fährt durch meine Straßen. Die meisten Namen sind geblieben, einige sind neu, heute so nichtssagend wie damals. Nachdem ich dem RedHouse-Sumpf entkommen war, wurde es, wurde ich schick. Nun ging man ins Playa. Das war da, wo heute das OX ist. Donnerstags war dort der umschwärmteste Tablettschwinger Ostwestfalens unterwegs. Über die Köpfe der tanzenden Massen (Mädels) hinweg, jonglierte er die vollen Gläser immer sicher zum Ort ihrer Bestimmung. Donnerstags waren fast nur Mädels im Playa und alle wollten ihn. Ich lernte ihn irgendwann kennen. Nicht im Playa, sonders auf einer Party. Er hieß Alex und war nicht nur der größte Tablettschwinger, sondern auch der dümmste Hohlschwinger Ostwestfalens. Seitdem ging in donnerstags nicht mehr ins Playa.
Er fährt Taxi. Er fährt durch meine Straßen und erzählt von seinen Fahrgästen. Es sind fast immer andere. Meine waren fast immer die gleichen. Markus, der sich mit einer Kippe auf meinen Sitzen verewigte. Petra, die ewige Petra, die immer so sein wollte wie ich, was ich aber nie verstanden habe. Sabine, die mich gerne in den Armen von Boris gesehen hätte, damit sie sich an Maik ranmachen konnte. Die restlichen Japhets, Volkers, Christophs, Silkes, Steffis und Birgits fuhren mal mehr mal weniger im Kofferraum mit. Oder saßen im nächsten Wagen. Die Frage “Wo gibt’s nachts noch was zu futtern?” haben wir uns auch oft gestellt. Irgendwann hatten wir es raus, dass es eine Pommesbude im Industriegebiet gab, die durchgehend auf hatte. Klar, dort in der Nähe war ja auch der Bienenkorb mit durchgehendem Verkehr.
Er fährt Taxi. Er fährt durch meine Straßen. Er erzählt von den Festen in diesen Straßen. Libori, ein Kuss hoch oben im Riesenrad, Luna-Park, eine Zuckerwatte, die nicht aufhören wollte uns zu verkleben, Schützenfest, ein platter Reifen nachts um ungefähr pi Uhr. Endlos das Feuerwerk. Die Gesichter. Die Geschichten. Die Straßen. Die Jahre.
Er fährt Taxi durch meine Vergangenheit. Einsteigen bitte.