Auch in Westfalia kennt man Europa. Man feiert diese Kenntnis alljährlich mit einem schönen Europafestival „mit internationalem Flair“. Warum man das tut, weiß der Kuckuck, der aber ist zu dieser Zeit verreist, wir können ihn also nicht fragen. Anders FrauvonWelt. Sie reist an. Ihre Pumpernickelvorräte sind geschrumpft, was also liegt näher als die Heimat?
Und die ungarischen Mädchen tanzen über den Rathausplatz, dass es eine Pracht ist. Auch bei Regen tanzen und lachen die weiter. FrauvonWelt sieht das alles von ihrem Lieblingsplatz aus. Ihr Lieblingsplatz ist der am Fenster ihres ehemaligen Teeniezimmers. Da oben im zweiten Stock, weit über dem rot leuchtendem Schriftzug, der die Fleischerei ankündigt, sitzt sie heute noch gerne und schaut hinaus.
Als sie klein war, war da unten noch keine Fußgängerzone, in der sich alte Herrschaften in beigen Mänteln von den Erfolgen ihrer Kur berichteten, da waren auch die Bäume anders, die Blumen nicht so üppig, die Autos nicht so unübersehbar viele. Alles zuviel heute. Und Ungarn gab es damals auch nicht. Auch kein Europa, höchstens mal Ostsee, Nordsee oder Holland.
„Kind, mach doch mal die Tür auf.“
„Nein, keine Lust.“
„Musst du dich denn immer einschließen?“
„Ja, sonst kommt ihr ja ständig rein.“
„Was machst du denn da drin?“
„Nichts.“
„Kommst du zum Essen?“
„Nein, kein Hunger.“
Die Musik wird lauter, vor dem dunkler werdenden Horizont trotzt das Riesenrad, die Menschen drehen sich im Kreis und um sich selbst. Sie bewegen sich nicht. Wie ein zähes Band ziehen sie sich durch die Straßen, bumbumbum, rumtata, rumtata, quillt es in ihre Köpfe und nach etlichen Gläsern Bier auch wieder raus. Rumtata, sie tanzen wieder, die ungarischen Kostümmädchen. Die geflochtenen Zöpfe wirbeln den roten Kleidern gleich durch die Lüfte. Ungarn? Wie gut. Wie gut, dass deine großen Musiker das hier nicht hören müssen, wie gut, dass deine großen Dichter das hier nicht sehen müssen. Die moralische Krise Ungarns findet statt auf einem bundesdeutschen Provinzrathausplatz. Kértesz hat das immer gewusst.
Ein Kind schreit nach seiner Mutter und kriegt im nächsten Moment eine gelangt. Breitgrinsende Weiber hängen an Bierbuden, Hunde werden getragen und ein Radfahrer schlängelt sich durch die Massen.
FrauvonWelt wendet den Blick ab, steht auf. In der Küche die Mutter.
„Mama, was gibt’s denn heute Schönes zu essen?“
Sagt sie und legt dabei leicht den Arm um die Schultern ihrer Mutter.
